Jeder Psychologe wird Dir bestätigen, dass gerade bei wichtigen Entscheidungen das Unterbewusstsein eine wesentliche Rolle spielt. Wohl jeder Mensch kennt dieses undefinierbare "Bauchgefühl". Wissenschaftlich bewiesen ist, dass diese Intuition lebenswichtig ist, denn langes Nachdenken überfordert das Gehirn.

 

 

"Lieber eine Nacht darüber schlafen"

Ein Psychologen-Team hat in Versuchen mit Testpersonen herausgefunden, dass wir bei komplexen Entscheidungen wie beispielsweise einem Autokauf keine Unmengen an Informationen und Fakten benötigen. Um zu einer sinnvollen Entscheidung zu gelangen, brauchst Du laut der Forscher nur Deinem normalen Tagesgeschäft wieder nachzugehen und eine Nacht darüber zu schlafen. Die getroffene Entscheidung ist in den überwiegenden Fällen zufriedenstellend. Wenn es um kleinere Entscheidungen geht, sind hingegen bewusste Überlegungen sinnvoller. Dies konnte das Team sowohl im richtigen Leben als auch unter Laborbedingungen belegen.

 

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass das Unterbewusstsein mehr Informationen speichern kann, die letztlich zu einer besseren Entscheidung führen. Bei einfachen Sachen wie der Kauf kleiner Elektrogeräte benötigen wir nur wenige Fakten, um eine Wahl zu treffen.

 

 

Was ist Unterbewusstsein? Was ist Intuition?

Der richtige Riecher, das sichere Gefühl, das Aha-Erlebnis – hinter diesen alltäglichen Begriffen verstecken sich Intuition und Unterbewusstsein. Das Unterbewusstsein als Begriff hat der Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud geprägt. Laut Freud besteht das Unbewusste aus verdrängten und vom Bewusstsein nicht zugelassenen Informationen, die einer eigenen Gesetzmäßigkeit unterliegen. Intuition stammt hingegen aus dem Lateinischen: "intueor" bedeutet "etwas erwägen" oder "etwas betrachten". Die Intuition ist nichts weiter als ein Einfall, der aus dem Unbewussten entspringt. Es ist kein Geheimnis mehr, dass der Mensch neben seinem rationalen und bewussten Entscheidungssystem auch über ein System verfügt, das mit körperlichen Empfindungen und Gefühlen verbunden ist. Tatsächlich ist unsere Intuition, wenn wir komplexen Situationen mit vielen Variablen ausgesetzt sind, dem rationalen Entscheidungsfinder überlegen.

 

 

Vernunft gegen Bauchgefühl: Was ist ein "rationaler Mensch"?

Von klein auf lernen Kinder überlegt zu handeln, "vernünftig" zu sein und rational zu denken. Erkenntnisse in der Neurowissenschaft können jedoch belegen, dass Gefühle bei Entscheidungen überlebenswichtig sind. Unsere Gefühle bewerten nämlich regelmäßig unsere Erfahrungen. Schlechte zeigen uns, dass wir etwas vermeiden sollten, während gute Erfahrungen uns etwas wieder tun lassen. So ist jedes Gehirn mit einer Art Stiftung Warentest ausgestattet. Auch Motivationspsychologen machen sich dieses System zunutze. Sie haben herausgefunden, dass nur Entscheidungen in Handlungen umgesetzt werden, die zuvor mit einem stark positiven Gefühl ausgestattet wurden.

 

Welche entscheidende Rolle Emotionen beim "vernünftigen" Handeln des Menschen spielen, wird häufig trotz neurologischer Beweise unterschätzt. Menschen, deren soziales und emotionales Verhalten aufgrund einer Hirnverletzung gestört ist, sind nicht mehr in der Lage, rationale Entscheidungen zu treffen. Sie besitzen nicht mehr die sogenannten somatischen Marker, die ein körperliches Signalsystem darstellen. Diese somatischen Marker sollen unsere Aufmerksamkeit darauf lenken, ob sich eine Entscheidung auch "gut anfühlt".

 

Gespeist wird unsere unbewusste Intuition also aus Empfindungen, Erinnerungen und Sinneseindrücken. Dieser Lernprozess findet nicht bewusst statt. Das Gelernte steht uns in der passenden Situation wie ein Lichtblitz zur Verfügung. Selbst bei banal erscheinenden Problemen im Alltag kommen wir so schnell und vollkommen automatisch zur richtigen Lösung. Experten wie Ärzte und Wissenschaftler kommen dank ihres reichen Erfahrungsschatzes intuitiv zu besonders wertvollen Lösungen. Sobald wir intuitiv denken und handeln, benötigen wir in der Regel nur eine geringe Menge an Fakten und Informationen für eine sinnvolle Entscheidung.

 

 

Emotionen und der Verdauungstrakt – das "Bauchhirn"

Nicht nur der Volksmund weiß, dass der Bauch eine wesentliche Rolle spielt. "Aus dem Bauch heraus entscheiden" ist wohl eine der gebräuchlichsten Redensarten. Tatsache ist, dass sich in unserer Bauchregion ein kompliziertes Nervengeflecht befindet, dass bei der Entscheidungsfindung eine wesentliche Rolle spielt.

 

Der amerikanische Neurowissenschaftler Michael Gershon gilt als Entdecker dieses "Bauchhirns". In Wirklichkeit ist damit unser Verdauungstrakt gemeint. Mehr als 100 Millionen Nervenzellen tummeln sich in unserem Bauchhirn. Das sind mehr Nervenzellen als im gesamten Rückenmark. Zudem führen zahlreiche Nervenstränge vom Bauch ins Gehirn – umgekehrt allerdings nicht. 90 Prozent der Verbindungen erfolgen also von unten nach oben.

 

Dieses "zweite Gehirn“ ist laut Neurowissenschaftler ein Spiegelbild des Kopfhirns: Rezeptoren, Wirkstoffe und Zelltypen sind exakt identisch. Wissenschaftler der Tiermedizinischen Hochschule Hannover fanden heraus, dass das sogenannte Bauchhirn aufgrund der identischen Botenstoffe auch Erinnerungen speichern kann. Zudem steht das Kopfhirn in ständiger Verbindung mit dem Verdauungstrakt. Die Reaktionen und Empfindungen der Bauchregion werden ständig zu etwa 90 Prozent dem Kopfhirn gemeldet. Dort werden die Informationen gespeichert und ausgewertet. Andersherum findet der Informationsaustausch vom Kopfhirn in Richtung Bauchregion nur in sehr geringem Maße von etwa 10 Prozent statt.

 

Mit diesem Wissen im Hinterkopf stellt sich nun die Frage: Sind unsere "Bauch-Entscheidungen" die besten? Sollen wir eher auf unsere Empfindungen hören als auf unseren Verstand? Neurowissenschaftler warnen an dieser Stelle, dass die somatischen Marker oder intuitive Botschaften für menschliche Entscheidungsprozesse nicht ausreichen. Unser Bauchgefühl erleichtert und verbessert die Entscheidungen somatischer Marker, doch nehmen diese intuitiven Stützen uns das Denken nicht ab. Da sie günstige oder gefährliche Wahlmöglichkeiten ins rechte Licht rücken können, unterstützen uns die Marker wiederum beim Denken. So besteht zwischen Intuition und Verstand, also zwischen Bauchgefühl und rationalem Abwägen eine enge Beziehung.

 

 

Tipps für den Alltag: So nutzt Du Dein Unterbewusstsein

Intuition kann also gerade für wichtige Entscheidungen von Bedeutung sein. Es schadet Dir nicht, Dich ihr ab und an zu öffnen. Der Mathematiker Henri Poincaré erkannte vier Stufen, die Du durchlaufen musst, wenn Du im Unbewussten nach einer Lösung suchst:

 

Präparation (Vorbereitung)

  1. Präparation (Vorbereitung): Zunächst beschäftigst Du Dich ausgiebig mit Deinem Problem oder Deiner Aufgabe. Du suchst in diesem Schritt aktiv nach einer Lösung und prüfst alle ethischen und moralischen Richtlinien.

Inkubation (wirken lassen)

  1. Inkubation (wirken lassen): Nun lässt Du los. Ignoriere das Problem, gehe Deinem Hobby nach oder lege Dich schlafen.

Illumination (Erleuchtung)

  1. Illumination (Erleuchtung): Du bemerkst einen Geistesblitz. Dieser kommt völlig spontan und eigentlich ungewollt. Du weißt plötzlich sofort, was Du zu tun hast.

Verifikation (Überprüfung)

  1. Verifikation (Überprüfung): Deine intuitiv gefundene Lösung solltest Du im letzten Schritt noch einmal kritisch hinsichtlich der Durchführbarkeit und Ethik überprüfen.

 

 

 

Der Chemiker Auguste Kekulé nutzte unbewusst ebenfalls diese vier Stufen bei seinen Entdeckungen. Als der berühmte Chemiker abends vor seinem Kamin einschlief, träumte er von einer Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Sein Problem war schlagartig gelöst: Bislang hatte er erfolglos nach der Strukturformel von Benzol gesucht und sie nun im Unbewussten gefunden. Benzol weist eine Ringstruktur auf. Zur damaligen Zeit war diese Erkenntnis vollkommen neu.